Die Besiegelung derer, die sich besinnen








17... 6,9-17: Das fünfte und das sechste Siegel
 

(9) Und als es das fünfte Siegel öffnete, sah ich unter dem Altar die Seelen derer, die wegen des Wortes Gottes geschlachtet worden waren und wegen des Zeugnisses, das sie festhielten. (10) Und sie schrien mit lauter Stimme: Bis wann, heiliger und wahrhaftiger Gebieter, richtest du nicht und rächst unser Blut an den Bewohnern der Erde? (11) Und einem jeden von ihnen wurde ein weißes Gewand gegeben und es wurde ihnen gesagt, sie sollten sich noch kurze Zeit beruhigen, bis auch ihre Mitknechte vollzählig seien und ihre Brüder, die noch getötet werden sollten wie sie auch.

(12) Und ich sah wie es das sechste Siegel öffnete; und ein großes Erdbeben entstand und die Sonne wurde schwarz wie ein härener Sack, und der ganze Mond wurde wie Blut, (13) und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, wie ein Feigenbaum seine Spätlinge abwirft, erschüttert von einem großen Wind; (14) Und der Himmel verschwand wie ein zusammengerolltes Buch, und jeder Berg und jede Insel wurden von ihren Plätzen weggerückt. (15) Und die Könige der Erde und die roßen und die Heerführer und die Reichen und die Starken und jeder Sklave und jeder Freie verbargen sich in den Höhlen und in den Felsen der Berge; (16) und sie sagen den Bergen und den Felsen: Fallt auf uns und verbergt uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes, (17) denn der große Tag ihres Zornes ist gekommen, und wer kann da bestehen?
 

Von den Menschen, die von ihrer Todesangst hinweggerafft werden, geht die Vision des Johannes zu denen, die wegen ihrer Treue zum Wort Gottes getötet werden.

Als das Lamm das fünfte Siegel öffnet, sieht er "unter dem Altar die Seelen derer, die wegen des Wortes Gottes geschlachtet wurden." Und sie schreien nach Rache.

Solange kein Ausgleich geschaffen ist, sind die Seelen der Märtyrer nicht erlöst. Deshalb verharren sie unter dem "Altar", auf dem sie geopfert wurden.

Die Hinschlachtung derer, die Menschlichkeit in die Welt bringen wollen, darf nicht unbestraft bleiben! Das sagt uns unser gesunder Menschenverstand. Und doch erschreckt das der Feindliebe verpflichtete christliche Gewissen bei dem Gedanken, daß die, die Jesus nachgefolgt sind, Rache fordern.

Das Blut der Gerechten schreit zum Himmel. Und der Himmel antwortet. Er schickt das Gericht, er schickt Erlösung. So ist das seit je her und überall. So war das, als die Israeliten Sklaven in Ägypten waren und ebenso in der Babylonischen Gefangenschaft. Das Gericht kommt, ja es ist schon da, aber das Maß muß erst noch voll werden, erst dann kann seine Wirkung sichtbar werden.

Jeder Revolution geht eine lange Zeit der Unterdrückung voraus und viele müssen im Aufruhr sterben, bevor die Unterdrückten schließlich selbst zur bestimmenden Macht werden.

Und so sieht Johannes, wie "jedem von ihnen ein weißes Gewand gegeben wird."

Sie haben bereits gesiegt, sie sind im Prozeß des Gerichts bereits geläutert worden. Aber für den irdischen Ausgleich für ihre Hingabe braucht es noch mehr Opfer. Das ist immer so. Aber der Ausgleich kommt und die, die sich eingesetzt haben, können sich beruhigen. (9-11)
 

Und als das Lamm "das sechste Siegel öffnete, entstand ein großes
Erdbeben ...".

Mit der Öffnung des sechsten Siegels beginnen die Ereignisse, die der Wiederkehr des Menschensohnes unmittelbar vorangehen, wie wir aus der Rede Jesu über das Ende dieser Welt wissen.

In einem bestimmten Stadium des Gerichts wird das Zusammenspiel der Kräfte, die das Leben bestimmen, so sehr erschüttert, daß jede Orientierung versagt, daß nichts mehr läuft wie gewohnt. Denken wir nur an eine schwere Krankheit oder ein Ereignis von ähnlicher Wirkung. Es ist immer ein Gericht, ein Appell des Menschensohns an uns, unser Leben zu überdenken, eine warnende Botschaft von unserem armen, von unseren Vorstellungen geknechteten Organismus, der immer ein Sklave JAHWEs ist und der nicht zögert, sich zu opfern, wenn wir seinen Hilferuf nicht beachten.

Der Sündenfall besteht ja immer darin, daß die Perspektive des Ganzen verlorengeht, weil sich ein Teilaspekt auf Kosten der anderen aufbläht. Und so gerät das Ganze aus dem Gleichgewicht und wir erfahren die Nachteile dieser Unordnung, bis wir wieder zur Besinnung kommen. (12f.)

Wenn unsere Schwerhörigkeit aber schon sehr tief geht, dann reagieren möglicherweise auch wir wie die Menschen bei der Öffnung des sechsten Siegels in der Vision des Johannes. Schuldbewußt verbergen sie sich, wie Adam und Eva sich nach dem Sündenfall vor Gott verborgen haben. Sie suchen Schutz in der Höhle, sie wollen zurück in den Schoß der Mutter Erde.

Sie haben Angst vor dem Zorn des Lammes! Doch ist es wirklich der Zorn des Lammes, vor dem sie fliehen? Der Zorn des Lammes ist nur eine Projektion. Auch Gott war ja nicht zornig, als er die Menschen nach dem Sündenfall im Paradies suchte, im Gegenteil, als liebender Vater ist er ihnen nachgegangen. Aber sie wenden ihre Maßstäbe auf Gott an und deshalb fürchten sie seinen Zorn. Doch es ist nicht Gott, der sie straft, sondern sie selbst haben das Unglück durch ihre eigenen Maßstäbe insgeheim herbeigerufen. Aber sie stehen nicht zu ihrem Tun, sie verstecken sich und tun damit so, als ob das Chaos von außen käme.

Und doch gibt es so etwas wie den Zorn des Lammes. Unser Organismus ist ja ein Bild des Lammes, das sich hingibt und immer wieder hingibt. Wie lange er doch die Mißhandlungen erträgt, denen wir ihn aussetzen! Doch eines Tages ist seine Kraft erschöpft und da erweist er uns seinen letzten Dienst, indem er uns unmißverständlich klar macht, daß wir ein Chaos erzeugt haben. (14-17)

Es ist erst die sechste Posaune, noch gibt es die Möglichkeit umzukehren, aber nur noch kurze Zeit, denn gleich werden die Knechte Gottes besiegelt:
 
 
 
 
 
 

18... 7, 1-17: Die Knechte Gottes werden besiegelt
 

(1) Danach sah ich vier Engel an den vier Ecken der Erde stehen, die die vier Winde der Erde festhielten, damit kein Wind über die Erde wehe noch über das Meer noch über irgendeinen Baum. (2) Und vom Aufgang der Sonne sah ich einen anderen Engel aufsteigen. Er hatte ein Siegel des lebendigen Gottes (3) und er schrie mit lauter Stimme den vier Engeln zu, die die Macht hatten, die Erde und das Meer zu schädigen: Schädigt die Erde nicht noch das Meer noch die Bäume, bis wir die Knechte unseres Gottes auf ihren Stirnen besiegeln.

(4) Und ich hörte die Zahl der Besiegelten: hundertvierundvierzigtausend Besiegelte aus jedem Stamm der Söhne Israels. (5) Aus dem Stamm Juda zwölftausend Besiegelte, aus dem Stamm Ruben zwölftausend, aus dem Stamm Gad zwölftausend, (6) aus dem Stamm Aser zwölftausend, aus dem Stamm Nephtalim zwölftausend, aus dem Stamm Manasse zwölftausend, (7) aus dem Stamm Simeon zwölftausend, aus dem Stamm Levi zwölftausend, aus dem Stamm Issachar zwölftausend, (8) aus dem Stamm Zabulon zwölftausend, aus dem Stamm Joseph zwölftausend, aus dem Stamm Benjamin zwölftausend Besiegelte.

(9) Danach sah ich und sieh: eine große Volksmenge, die keiner zählen konnte, aus jeder Völkerschaft und aus allen Stämmen und Völkern und Zungen. Sie stehen vor dem Thron und vor dem Lamm, umworfen mit weißem Gewändern und mit Palmzweigen in ihren Händen. (10) Und sie rufen mit lauter Stimme: Das Heil unserem Gott, dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm! (11) Und alle Engel standen rings um den Thron und die Ältesten und die vier Lebewesen, und sie fielen vor dem Thron auf ihre Gesichter und huldigten Gott. (12) Sie sagen: Amen! Der Segen und der Ruhm und die Weisheit und der Dank und die Ehre und die Kraft und die Stärke unserem Gott in die Äonen der Äonen! Amen.

(13) Und einer der Ältesten antwortete und sagte mir: Diese, die mit weißen Gewändern umworfen sind, wer sind sie, und woher sind sie gekommen? (14) Und ich sprach zu ihm: Mein Herr, du weißt es. Und er sprach zu mir: Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen, und sie haben ihre Gewänder gewaschen und sie im Blut des Lammes weiß gemacht. (15) Deswegen sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel, und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen. (16) Sie werden nicht mehr hungern und nicht mehr dürsten, noch wird die Sonne auf sie fallen noch irgendeine Glut, (17) denn das Lamm mitten vor dem Thron wird sie weiden und sie zu den Quellen des Wassers des Lebens weisen, und Gott wird jede Träne aus ihren Augen abwischen.
 
 

Ein Engel erzeugt nun absolute Windstille, die Ruhe vor dem Sturm. Und ein anderer Engel, der ein Siegel des lebendigen Gottes hält, ruft den vier Engeln, denen aufgetragen ist, Erde und Meer zu schädigen, zu, stillzuhalten bis die Knechte Gottes besiegelt sind.

Wie das Blut des Lammes an den Türpfosten der Israeliten in Ägypten den Würgeengel vorübergehen ließ und ihr Haus verschonte, so wird das Siegel Gottes seine Auserwählten jetzt vor der Vernichtung durch das kommende Gericht bewahren.

Aber was ist das für ein Siegel und wie kann es seine Träger schützen? Wie wir am Beispiel der Märtyrer sehen, bewahrt es sie ja nicht vor einem grausamen Tod. Das Siegel betrifft also nicht das äußere Schicksal, es ist eine Sache der Bewußtheit. Es stellt sicher, daß der/die Besiegelte auf die höchste Wahrheit ausgerichtet bleibt und sich mit nichts zufrieden geben wird, als mit dem bewußten Einssein mit der Kraft, aus der er/sie jetzt und immer kommt.

Der Engel mit dem Siegel kommt vom Aufgang der Sonne her. Das "Siegel des lebenden Gottes" ist also ein Ausdruck der Erleuchtung. Die Träger des Siegels haben verstanden, daß es im Leben nur darum geht, daß der Menschensohn erscheint, denn nur in ihm wird Gott für uns lebendig, nur durch ihn können wir ihn unmittelbar erfahren. (1-3)

Und wie viele so Erleuchtete gibt es?

Die Zahl der Besiegelten ist "hundertvierundvierzigtausend", je zwölftausend aus jedem der zwölf Stämme Israels und darüberhinaus Unzählige aus allen Völkern und Kulturen. Jeder von ihnen ist geläutert im Feuer des Lebens. Und ihre Erleuchtung zeigt sich schließlich darin, daß sie nicht sich die Ehre geben, sondern allein Gott und dem Lamm.

Zwölftausend aus jedem Stamm Israels: So wie es zwölf Stämme gibt und zwölf Apostel, so deuten auch die zwölf mal tausend für jeden der zwölf völkischen Grundmuster auf weitere Kategorien von Menschentypen oder Charakteren hin. Unter den Erleuchteten werden also Menschen aller Art zu finden sein. Jeder hat also wirklich eine faire Chance dazuzugehören, denn "tausend" von jeder der 12 x 12 Arten, das sind einfach sehr viele, besonders wenn wir bedenken, daß sich die Zahlen hier doch - in archetypischer Weise - auf das kleine Volk Israel beziehen, wie der nächste Absatz zeigt: (4-8)

Außerdem steht da noch "eine große Volksmenge, die keiner zählen konnte". Und sie kommen aus allen Völkern und Sprachen. Niemand ist also seiner Herkunft wegen ausgeschlossen. Die "kleine Herde", von der Jesus gesprochen hat (Lk 12, 32), ist am Ende also gar nicht so klein - und doch ist es ein großes Privileg, eine große Gnade für jeden Einzelnen, dazugehören zu dürfen. Und die Besiegelten wissen das und deshalb verehren sie Gott und das Lamm unablässig. (9-12)

Und nun kommt die Frage nach den Aufnahmebedinungen. Was sind das für Leute, "die mit den weißen Gewändern und woher sind sie gekommen?" "Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen."

Wenn ein Mensch die Dunkelheit und Verlassenheit der Gottferne nicht kennengelernt hat, kann er die Wahrheit nicht schätzen. Deshalb mußten die Besiegelten durch das Gericht hindurchgehen und darin sind sie zurechtgerichtet worden. In dem außerordentlich schmerzhaften Prozeß ihrer menschlichen Entwicklung haben sie gelernt, sich von ihren Vorstellungen zu lösen und ohne jede Sicherheit dem Leben zu trauen, wie das Lamm. Und vom Lamm haben sie auch gelernt, sich nicht zurückzuhalten, sondern sich ganz hinzugeben, in welcher Lage sie sich auch befinden. Und indem sie begriffen und erfahren haben, daß es nichts Größeres gibt als das sich Verschenken, ist das göttliche Prinzip selbst in ihnen erwacht.

"'Deswegen sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht." Und natürlich stehen sie nicht in alle Ewigkeit an einer Stelle und wedeln mit dem Palmzweig! Der Ort, wo die Erleuchteten Gott dienen, "der Tempel Gottes" ist ja ihr eigener Körper. Da wohnt Gott. Und auch das Lamm ist da. Und sobald wir seinen Geist annehmen, führt es uns durch unseren Körper, durch die Realität unserer menschlichen Existenz, zu den Quellen des Wassers des Lebens. Und alles Leid, das wir auf dem Weg unserer Suche ertragen mußten, wird vergessen sein. Was wir dann erfahren, wird jede Träne abwischen aus unseren Augen.

Und natürlich sind die hundertvierundvierzigtausend und die Volksmenge vor dem Thron, die keiner zählen konnte, nicht die Verstorbenen, die nach dem Ende der Welt auferweckt werden, weil sie so brav gewesen sind, sondern es sind die Menschen aus allen Zeiten, die aus den Erschütterungen des Gerichts als neue Menschen hervorgegangen sind. Es sind Lebende. Wir sind gemeint, alle, die das hier hören und ernst nehmen. Jeden von uns will das Lamm zu den Quellen des ewigen Lebens führen. Und wenn wir unser Leben aus seiner Perspektive sehen können, dann sind wir bereits an den Quellen. Und sogleich wird unser Selbstmitleid verschwinden und Dankbarkeit wird kommen sogar für alles Leiden auf dem Weg, weil es uns schließlich zu ihm geführt hat, in dem wir unsere Ruhe finden. Und da sind die Schmerzen vergessen und es bleibt nur noch die Trauer über die in der Welt verbliebene Hartherzigkeit. - Und die zu erweichen wird nun unsere Aufgabe sein. (13-17)
 
 

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Zur Vorbemerkung
Zum Beginn des Kommentars: Der Mensch, der sehen kann, was es mit dem menschlichen Leben auf sich hat (1-6)
Zu den Adressaten des Sehers:
Die Menschen, an die er sich wenden kann, bei denen eine Aussicht besteht, daß sie seine Botschaft hören (7-13)
Zu: Gewisse Menschen haben eine vollkommene Einsicht in das Wesen des Lebens (14)
Zu: Die meisten Menschen begreifen das Leben nicht; sie finden nur falsche Antworten (15)
Zu: Die ersten sechs Geheimnisse des Lebens (16)
Zu: Das siebte Siegel: Zunächst Stille, die Ruhe vor dem Sturm (19)
Zu: Sie ersten sechs "Trompeten" (Warnrufe) (20-22)
Zu: Himmlische Botschaften werden an die gepeinigte Menschheit gesandt (23-25)
Zu: Die siebte Trompete: Gottes Herrschaft ist wiederhergestellt (26)
Zu: Die Frau und der Drache (27-29)
Zu: Die spektakulären, aber illusionären Phänomene des Ego verführen die meisten (30-32)
Zu: Die Wahrheit zeigt sich (33-42)
Zu: Eine Zeit der Harmonie, die Wiederkehr des Ego und seine erneute Zerstörung (43-44)
Zu: Angesichts des Todes zeigt sich die Wirklichkeit (45)
Zu: Das Leben nach der Vernichtung des Ego (46-48)
Zu: Das eben Beschriebene wird in Kürze geschehen (49)

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